:: Gregor Fischer ::

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Versprechen eingelöst!

Marathon de Paris
6.April 2008

  DIE STRECKE (klicken)

 



Zweifel, Begeisterung und ein schlechtes Gewissen                          05.04.08


Anreise in Paris am Samstagnachmittag. Im Centre d'Expo in Versaille ist die Empfangnahme der Unterlagen, der Startnummer und einem Rucksack voll Werbematerial. Ich gönne mir noch ein grosses Müsli und einige Früchte - wie wenn das noch was nützen würde...

Wir besprechen den morgigen Tag und ich erkläre meine feste Absicht, zu kämpfen, bis es nicht mehr weitergeht - und vielleicht bis ins Ziel. Diese naive Einschätzung  der Lage macht meinen Coach richtig wütend und er bellt mich an: 'Vergiss es, nie hat jemand ohne Training einen Marathon durchgestanden - meinst du, alle, die einen monatelangen Aufbau machen, seien Idioten?' 

Ich sage nichts, denn er hat natürlich recht. Ich hatte keine Zeit für ein richtiges Trainingsprogramm und habe ihn sehr enttäuscht, weil ich seine Ratschläge nicht ernst genommen habe. Nur, ich weiss, dass ich mir körperlich und vor allem mental äusserst viel zutrauen kann.

Und überhaupt: Wie soll jemand wissen, wo die Grenzen sind, wenn er sie nicht überschreitet? I


Ein kalter Wintertag in Paris.                                         So, 06.04.08

Sonntag morgen, gegen 7 Uhr.  Beim Blick durchs Fenster noch eine böse Ernüchterung: Die triste Häuserlandschaft ums Hotel zeigt sich im strömenden Regen. Sauerei! Dass die Temperatur nur knapp über der Gefriergrenze ist, wussten wir von der Wettervorhersage. Nur sollte Rückseitenwetter herrschen, das heisst lokale Schauer und jetzt dies! Wir packen unsere Sachen, steigen ins Auto und fahren direkt auf den Place de l'Etoile - ja, der mit dem Triumphbogen. Wir  parkieren das Auto frech am Rande des gigantischen Kreisels. Heute ist Paris-Marathon, basta.

Gegen 8 Uhr hört es wirklich auf zu regnen, bleibt aber bitterkalt. Die Aufstellung der tausenden Läufer in den Champs-Elisees beginnt. Eine gute und reibungslose Organisation. Dann wird es plötzlich hektisch und schon geht es los. Man muss höllisch aufpassen, nicht über Flaschen, Pullover oder anderen Mist zu stolpern. 

Ein gewaltiges Erlebnis, diese Horde von Menschen!

Ich habe noch nie an einem Marathon oder einem Semi-Marathon teilgenommen - mein einziger Lauf waren die 10 km von Bourg-en-Bresse vor einem Monat. Auch kein begleitetes Training absolviert. Einmal ein 'privater' Lauf zum Flugplatz Grenchen und zurück. 

Am Anfang läuft es ja auch recht gut und man hat die Möglichkeit, einige Dinge zu sehen: Trocadero, der Louvre und so weiter. Die Läufer sind guter Dinge, denn wir alle hatten ja mit Regen rechnen müssen.

Aber die Stimmung wird dann schnell anders, denn die Strasse steigt und wir sind erst bei Kilometer 10. Ein Viertel geschafft...

Ich laufe einfach mit  und halte das Tempo. Es sollte sich später bitter rächen! Den Zeitposten Semi-Marathon (21km)  erreiche ich noch in recht guter Verfassung, aber beim Erreichen der 30 Kilometermarke bin ich am Ende. Die Oberschenkel sind taub vor Schmerz und Kälte.


Was kann 'man' maximal erreichen?!


Ist es die Aufmunterung der Zuschauer, der anderen Läufer oder die vor Monaten gemachte Ankündigung 'Gregor Fischer am Marathon in Paris' - ich laufe weiter wie Forrest Gump. Klar im Kopf, aber der ganze Körper tut nur noch weh. Ich rechne und stelle fest: Ich bin immer noch in der Zeit, gewertet zu werden. Ich wechsle zwischen Laufen und Gehen. Viele überholen mich - es ist schwierig, aushalten zu müssen, dermassen am Ende der Kräfte anzukommen. 
 
Noch ein Verpflegungsstand, eine brasilianische Band, Zurufe, Fotografen. Läufer, die mir beim Ueberholen zunicken. Anscheind bin ich ein Bild des Jammers. Das lange Elend going Marathon...

Es gibt aber Schlimmeres: Zusammengebrochene junge Männer am Strassenrand, Ambulanzen, Polizeisirenen. Niemand mehr lacht, niemand mehr spricht. Schweigend trotten wir nebeneinander.  Vielleicht ein Blick, ein Zunicken. 

Aber da sind die Zuschauer. Sie strecken dir die Hände entgegen, lachen und man hört hundertfach: Courage, Gregor - tu va y arriver! Wieder sehe ich den Eifelturm, diesmal in der Richtung der Strasse - schwarzbraun, vor einer weissen Wolke. Schön.


Aufgeben? Nie!

Die letzte Schlaufe, noch sieben Kilometer. Ich habe aufgehört vorwärtszustolpern und bemühe mich, einen einigermassen würdigen Schnellmarsch hinzulegen. Die Oberschenkel brennen trotz der Kälte, die Knie foltern mich und die Knöchel sind blutig vom Anschlagen am jeweils anderen Schuhabsatz. Ein Marathon ohne Vorbereitung und Training, bravo, Monsieur! Ein Sanitäter gibt mir Pflaster für das wunde Fussgelenk - ich esse ein paar Feigen und verschlucke mich am Isotonic-Drink. Denke an Bush mit der Pretzel. Einige Leute am Wegrand laufen mit mir mit. You'll make it - tu viens d'ou? 

Diese Liebe der Zuschauer zu den Losern (denn ich bin ja weit hinten) rührt mich und spornt mich enorm an. 

Der Irrsinn des Vorhabens, fertig zu laufen wird zur Obsession. Die Läufer sind weniger geworden, aber was stört das? Das Publikum ist da und Kinder strahlen. Combobands spielen, dass der Kopf dröhnt. 


Das Ziel.

Nochmals rennen - geht nicht mehr - trotten, vielleicht. Dutzende Fotografen, Blitzlichtgewitter. Der Speaker ruft: Ces arrivants sont tous encore dans les temps - moins de six heures. Geschafft - geschafft. Ich kann kaum mehr stehen. Jemand nimmt mir den Transponder vom linken Schuh. Ich setze mich auf einen dargereichten Stuhl.

Ich habe keinen Durst, keinen Hunger - nur den Gedanken, dass dies ein grosser Tag war. Der Marathon von Paris 2008, fertiggelaufen und klassiert - praktisch ohne ernsthaftes Training!  

So wie ich das gerne wollte -  und wie es eigentlich nicht gehen soll - aber das sagten ja die andern...

Gregor Finisher - es ist gut, es geschafft zu haben...

PS. An einem Marathon teilzunehmen benötigt kein Geld, kein Talent und keine Beziehungen. Es genügt, fit zu sein und den Willen zu haben, etwas zu beenden. Wie im richtigen Leben.

 


Lesen Sie, was ich vor 8 Monaten hier geschrieben habe: 

Was ist ein Marathon?                                        22.09.07

Der Marathonlauf ist eine auf Straßen oder Wegen ausgetragene sportliche Laufveranstaltung über 42,195 Kilometer und zugleich die längste olympische Laufdisziplin in der Leichtathletik. Das ist die Kurzbeschreibung in Wikipedia, aber man sollte dazu vieilleicht noch mehr wissen:

Fast an jedem Wochenende findet irgendwo auf der Welt ein Marathon statt. Von Anlässen mit ein paar Hundert Läufern bis zu den ganz grossen Klassikern, wie Boston, New York und Paris mit über 30000 Teilnehmern. Trotzdem, ein Volkssport wird Marathon nie werden, denn die Strapazen sind zu gross und der Prestigewert nicht existent, was für viele das Wichtigste wäre...

Die besten Athleten spulen die Strecke in wenig über zwei Stunden Laufzeit ab, um denen zu folgen, müsste man schon recht zügig mit dem Velo unterwegs sein. Gute Läufer schaffen es in unter 4 Stunden oder noch weniger, wenn sie mit dem Marathon-Lauf vertraut sind. 

Was soll die Quälerei?

Ich habe mich entschlossen in Paris an der Start zu gehen, um einen zusätzlichen Grund zu haben, weiter an meiner guten Kondition zu arbeiten. Marathon-Läufer sind Sportler, die vor allem Ausdauer trainieren und auch die Bereitschaft aufbringen, gegen Schmerzen zu kämpfen. 

Denn nebst Krämpfen, Blasen an den Füssen und dem Risiko, aufgeben zu müssen, haben Teilnehmer noch Tage nach dem Anlass Probleme mit der Rekuperation und schmerzendem Bewegungsapparat.

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mich entschlossen, ein bestmögliches 'Gesamtpaket' aus mir selbst zu schmieden. Dazu gehört Beweglichkeit, Ausdauer, Kraft und ein Gewicht, das dem möglichen Idealgewicht am nächsten kommt. 


Fischer wird (vielleicht) der Finisher...

Ich werde in Paris mit der Startnummer 33818 im Mittelfeld an den Start gehen. Wenn ich die ersten 30 Kilometer schaffe, das heisst natürlich innerhalb etwa zweieinhalb Stunden, denke ich, dass ich das Ziel sehen werde. 

Mein Training beginne ich im Oktober mit der Absicht, im nächsten Frühling eine intensivere Vorbereitung mit einem professionellen Assistenten anzugehen. 

Ich mache mir keine Illusionen: Es wird schwierig werden. Vor allem der Rücken und der zweimal verletzte linke Fuss werden mir Probleme bereiten. Trotzdem, ich will es schaffen! Eines ist sicher: Ich werde nicht aufgeben, bis ich einen Marathon in der vorgeschriebenen Zeit gelaufen bin, vielleicht schon 2008.


Die zehn Kilometer von Bourg-en-Bresse - die Schnupperlehre (Link hier)

 


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